Das Kunstobjekt

Marie Liane Moersch

„Die ganze Woche habe ich geschuftet, gestern abend habe ich die letzte Schicht Lack aufgetragen, damit sie heute fertig sind, wenn Sie kommen,“ bemerkte Laurent verheißungsvoll.

„Was haben Sie denn gebaut?“ fragte Marie. Sie wusste nur, dass der Künstler an zwei Objekten arbeitete.

„Kommen Sie erst mal mit in meine Werkstatt und sehen Sie sich die anderen Sachen an,“ meinte er. „Dann können Sie mich vielleicht besser verstehen.“

 Sie traten in einen großen, weißen Raum, an dessen Wänden seltsam geformte Sitzmöbel aufgereiht standen, deren Rücklehnen von geschnitzten menschlichen Gesichtern geziert waren. Alle diese Stuhlwesen blickten auf den Boden oder hielten die Augen geschlossen.

„Ich habe mich schon seit längerem mit den verschiedensten Arten von Stühlen beschäftigt und das, was ich Ihnen heute zeigen möchte, gehört auch in diese Serie.“ Er führte sie zu einer der Wände, wo etwas Undefinierbares verhüllt war.

„Da ist es.“ Laurent zog die Plane ab wie der Zauberer das Tuch vom Zylinder, aus dem Kaninchen und Tauben auftauchen sollten.

„König und Königin,“ rief Laurent triumphierend. „der Abschluss und die Krönung meines Werkes!“

Das Königliche an den Stuhlgestalten war durchaus erkennbar. Sie waren größer als die übrigen Objekte, die Haltung war souverän, der Gesichtsausdruck beherrscht, aber mit einer gewissen Milde. Ihr Blick war geradeaus gerichtet. Aber diese seltsamen Augen...

Laurent bemerkte ihre Unsicherheit. „Gefallen sie Ihnen nicht?“ fragte er, etwas enttäuscht.

„Ich weiß nicht genau, ich verstehe nicht viel von moderner Kunst,“ murmelte sie.

„Ich werde uns erst einmal einen Tee machen, setzen Sie sich derweil.“ Er verschwand.

Leicht gesagt. Sie blickte die Stühle der Reihe nach an, traute sich aber nicht, einen auszuwählen, um sich darauf zu setzen.

Ihr Blick wanderte die Wände hinauf, an denen Bilder in Rottönen angebracht waren. Als sie genauer hinsah, bemerkte sie, dass es Darstellungen von menschlichen Organen waren.

Was für ein merkwürdiger Mann, dieser Laurent. Organbilder und Menschen als Stühle. Sie schaute wieder zu dem Königspaar hinüber. Das Merkwürdige an ihnen fiel ihr wieder auf, das mit den Augen zusammenhing. Sie trat näher heran, um sie eingehender zu betrachten. Obgleich die Augen starr geradeaus gerichtet waren, hatten sie etwas sehr Wirkliches an sich. Sie sahen keineswegs hölzern aus, sondern so, als ob sie der lebendige Teil des Objektes seien. Fasziniert beugte sie sich zum Gesicht des Königs hinunter. Ja, das war das Geheimnis. Sie konnte das Phänomen benennen.

Laurent schien sich Zeit zu lassen. Sie beschloss nun doch, sich zu setzen, zögerte kurz und ließ sich dann vorsichtig auf dem Stuhl des Königs nieder. Als sie ihren Arm auf eine der Lehnen legte, schrak sie zurück. Es war ihr, als hätte sie eine lebendige Hand berührt. Sie bemerkte, dass die Lehne in der Form eines Armes geschnitzt war, der als leicht nach innen gebogene Hand endete. Das stark polierte Holz hatte sich glatt wie Haut angefühlt, auch nicht kalt, wie sie erwartet hatte.

Sie nahm ihre Hand zurück und lehnte sich an. Kerzengerade saß sie nun und blickte genauso geradeaus wie die Königsfiguren. Ein erhabenes Gefühl, als Herrscherin der Stühle im Kreise der Vasallen. Der ganze Raum war ihr Königtum, die Stühle, die Bilder. Ja, die Bilder. Es schien ihr, als bemerke sie eine kleine Bewegung, die durch die Abbildungen ging, ein leichtes Schwanken oder Nicken in die gleiche Richtung. Sie schloss die Augen und schüttelte den Kopf, als ob sie eine Gleichgewichtsstörung vertreiben wollte. Als sie die Augen wieder öffnete, schien die Bewegung jedoch noch stärker geworden zu sein, wie die eines Pendels, das statt weniger immer weiter ausschlägt. Jetzt sah sie auch, was vor sich ging. Das herzartige Gebilde an der Wand rechts pulsierte tatsächlich, die Nieren hoben sich auf und ab, als ob ein unsichtbarer Mensch mit ihnen im Innern spazieren ginge. Das Merkwürdigste war, dass die Bewegungen sie nicht erschreckten, es schien ihr fast natürlich, dass die Bilder in dieser Weise lebten. Das Pulsieren im Raum wurde stärker, und sie bemerkte, dass es ihr eigener Herzschlag war, der die Bewegung anführte.

Sie blieb regungslos sitzen. Dann, einer plötzlichen Eingebung folgend, legte sie die Hand wieder auf die Lehne. Die Holzhand hatte etwas sehr Vertrautes und Weiches. Sie spürte, wie das Kinn des Königs leicht ihren Kopf berührte und eine wohlige Schläfrigkeit überkam sie.

Laurent betrat mit einem Tablett den Raum. Ohne aufzublicken setzte er es auf einem der Stühle ab und bemerkte: „Eigentlich komisch, aber es gibt nur wenige Menschen, die meine Kunst wirklich berührt.“

 

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